26.02.2017

Zeitreisen auf unterirdischen S-Bahnhöfen

Der Bahnhof Potsdamer Platz erstrahlt im neuen Glanz und zeigt Bildmotive, die sich
mit der Mauer beschäftigen.
Der Bahnhof Potsdamer Platz erstrahlt im neuen Glanz und zeigt Bildmotive, die sich mit der Mauer beschäftigen.

 

Historische Fotos zieren die S-Bahn-Stationen zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof. Diese erstrahlen frisch gereinigt und renoviert im neuen Glanz. 1,6 Millionen Euro hat die Deutsche Bahn (DB) dafür investiert.

 

Friedemann Keßler hatte die Idee zur Ausstellung der historischen Motive.
DB-Historikerin Susanne Kill setzte sie mit ihrem Team um.
Friedemann Keßler hatte die Idee zur Ausstellung der historischen Motive. DB-Historikerin Susanne Kill setzte sie mit ihrem Team um.

Ein Paar mit Regenschirm lugt durch einen Spalt in der Berliner Mauer, junge Bäume recken sich inmitten der Neuen Synagoge gen Himmel und der einstige Stettiner Bahnhof empfängt die Reisenden mit Pracht und Pomp: Drei von insgesamt 260 historischen Motiven, die großformatig und dauerhaft die Bahnhöfe im Nordsüd-S-Bahn-Tunnel zieren.

Jede der sechs Stationen, an denen die Linien S 1, S 2 und S 25 halten, bekam ein eigenes Leitthema, dem sich die Bildauswahl unterordnet. Der Nordbahnhof thematisiert die Geisterbahnhöfe, durch die die S-Bahn-Züge aus dem Westen zu DDR-Zeiten ohne Halt durchrauschten. Die Station Oranienburger Straße widmet sich der Kunst und Kultur sowie dem jüdischen Leben, im Bahnhof Brandenburger Tor gibt es die repräsentative Stadt und in Friedrichstraße Menschen zu sehen.

Mauermotive faszinieren am Potsdamer Platz, und der Anhalter Bahnhof hat das Thema Reisen. Die Bilder, die an Wänden und in ungenutzten Vitrinen hängen, stammen überwiegend aus der Historischen Sammlung der DB, den Beständen der Gedenkstätte Berliner Mauer, der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum und dem Deutschen Technikmuseum Berlin.

 

Die Geschichte der „Geisterbahnhöfe“

Der Tunnel der Nordsüd-S-Bahn wurde in den Jahren 1934 bis 1939 errichtet. Er umfasst die Bahnhöfe Nordbahnhof, Oranienburger Straße, Friedrichstraße, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Anhalter Bahnhof.

Nach der Teilung der Stadt Berlin durch den Mauerbau waren die Bahnhöfe auf der Ostberliner Seite nicht mehr zugänglich. Sie wurden zu „Geisterbahnhöfen“. Die Züge fuhren ohne Halt hindurch. Nach dem Mauerfall konnten diese Bahnhöfe schon bald wieder von S-Bahnfahrgästen genutzt werden.


 

Zusammenarbeit mit Einrichtungen an der Nordsüd-Strecke

Während der Vorstellung der verschönerten Bahnhöfe sagte Dr. Susanne Kill, Leiterin Konzerngeschichte und Historische Sammlung der Bahn: „Gemeinsam mit den an der Nordsüd-S-Bahn gelegenen Einrichtungen konnten wir eine Zeitreise inszenieren, die neugierig auf die so allgegenwärtige Geschichte Berlins macht.“

Chana Schütz, stellvertretende Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, freut sich über die Aufmerksamkeit, die auch die Neue Synagoge durch die Bildauswahl erfährt: „Nicht immer finden uns Touristen gleich. Durch die Motive erhalten sie einen Hinweis, dass sie hier richtig sind.“ Besonders verwies sie auf Bilder des Fotografen Abraham Pisarek, der in den 1930er- Jahren wie kein zweiter das jüdische Leben in der Stadt dokumentierte. Auch die Detailfotos der Fassade der 1866 eröffneten Neuen Synagoge, die damals das größte Gotteshaus in Deutschland war, und der Blick aus einem Kran auf das Gebäude seien bemerkenswert.

 

„Bahnhöfe zum Wohlfühlen und für einen angenehmen Aufenthalt“

Chana Schütz vor einem der Motive in der Zwischenebene des Bahnhofs Oranienburger
Straße, das die Neue Synagoge zeigt.
Chana Schütz vor einem der Motive in der Zwischenebene des Bahnhofs Oranienburger Straße, das die Neue Synagoge zeigt.

Auf Jahreszahlen oder Bildunterschriften habe man verzichtet, erklärte Susanne Kill. So können sich die Betrachter ganz auf die Motive konzentrieren und gegebenenfalls selbst im Nachgang recherchieren.

Ermöglicht hat die Dauerausstellung das Projekt Zukunft Bahn, bei dem die Stationen eine umfassende Aufwertung erfahren. So wurden die denkmalgeschützten Bahnhöfe auch aufwändig gereinigt, renoviert und mit neuer Beleuchtung versehen. Darüber hinaus wurden die Beschilderung harmonisiert, die Wegeleitung erneuert, die Aufsichtsgebäude und Nischen neu gestaltet sowie die Werbeanlagen instandgesetzt. Auch unsere Aufsteller für die Kundenzeitung punkt 3 haben ein neues Design erhalten.

Friedemann Keßler, Leiter des Regionalbereichs Ost der DB Station&Service AG, sagte zu dem Projekt, das im September vergangenen Jahres begann: „Wir wollen Bahnhöfe zum Wohlfühlen und für einen angenehmen Aufenthalt. Deshalb stemmen wir uns gegen Vandalismus und investieren in die Zukunft der Bahnhöfe. Die Tunnelbahnhöfe sind ein erstes Projekt, das noch nicht abgeschlossen ist. Ich kann versprechen, dass es weitere schön gestaltete Stationen geben wird.“ Gemeinsam mit dem Projektleiter Tim Fraundorfer kündigte er an, dass als nächstes das Viadukt an der Station Schönhauser Allee an der Reihe ist und verschönert werden soll.

 

 

 

Text: Claudia Braun
Fotos (3): André Groth